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Neues aus der Gartenstraße

Ausstellung zu Kurt Gerstein: Bürger der Gartenstraße 24

Ausstellung zu Kurt Gerstein: Bürger der Gartenstraße 24

Im Landratsamt gibt es eine Ausstellung über Kurt Gerstein, den SS-Mann mit dem Spezialwissen über das Holocaust-Gas Zyklon B. Kurt Gerstein wohnte während seines Medizin-/Theologiestudiums 1936 -38 in der Gartenstraße 24. Seine Frau Anna Elfriede geb. Bensch wohnte noch lange Jahre in Tübingen.

Das Landratsamt Tübingen präsentiert die Filme von Costa Gavras (2002), Claus Bredenbrock (2007) und  Carl Svensson (2017) in einer kleinen Reihe am 9.1., 17.1. und 28.1. jeweils um 18:30 Uhr im Gebäude Wilhelm-Keil-Straße 50 in Tübingen. In Gesprächen mit den Regisseuren wird es vor allem um die Bedeutung von Kurt Gerstein für die heutige Erinnerungskultur gehen. Die Filmreihe rahmt eine Ausstellung zu Kurt Gerstein, die das Landratsamt Tübingen noch bis 12. Februar 2020 in seiner Glashalle zeigt.
Organisation: Wolfgang Sannwald und Maximilian von Platen in Kooperation mit den Französischen Filmtagen.

Kurt Gerstein ist einer der interessantesten und lange Zeit umstrittensten Gestalten des deutschen Widerstands in der NS-Zeit. Als überzeugter Christ und Mitglied der Bekennenden Kirche wollte er 1939 in die SS eintreten, um Zeuge der NS-Verbrechen zu werden. Seine Schwägerin, Bertha Ebeling, wurde 1941 in Hadamar getötet.

Direkt konfrontiert mit der Ermordung der Juden in den Vernichtungslagern, versuchte er, Kirchenführer und das Ausland davon zu informieren und Lieferungen des Zyklon-B-Gases zu sabotieren.

 

Am 11. Januar 2020 schreibt Wolfgang Albers im Schwäbischen Tagblatt:

<<Im Tübinger Landratsamt sprach Regisseur-Altmeister Costa-Gavras über seinen Film „Der Stellvertreter“, über seine Vorliebe für mutige Bürger wie Kurt Gerstein – und über seine Hoffnungen. Gavras erzählte, welche Protagonisten ihn reizen: „Es geht mir nicht um Helden, davon halte ich nicht so viel. Es geht mir um Menschen, die Moral haben und erkennen, dass man etwas tun muss. Bürger, die richtig handeln in schwierigen Zeiten.“So ein Protagonist ist auch Kurt Gerstein in Costa-Gavras’ Film „Der Stellvertreter“ aus dem Jahr 2002 ...

Bei der Lektüre des Dramas „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth ist Costa-Gavras auf diese ambivalente Person gestoßen: „Ich lernte einen Menschen kennen, der Widerstand geleistet hat – im Widerspruch zu allem, was ihn umgeben hat. Gerstein war kein klassischer Held, er war ein citoyen, ein Bürger Das ist doch ein Thema, das jede Generation interessieren wird: Menschen, die Mut zeigen. Diese Ausnahmepersönlichkeit hat mich so fasziniert, das wollte ich zeigen.“

Und, da scheint die griechische Herkunft des jetzigen französischen Staatsbürgers Costa-Gavras durch: „Gerstein ist schon fast eine Person aus der griechischen Tragödie.“ Die ja genauso der Gewalt nachspürt wie Costa-Gavras: „Meine Generation der Filmemacher ist besessen vom Krieg. Wir haben ja als Kinder schon Krieg erlebt“ – Costa-Gavras unter der deutschen Besetzung und im griechischen Bürgerkrieg. „Die Frage, wie und warum das passiert ist, hat uns nie losgelassen.“

Kurt Gerstein wurde 1945 in einem Pariser Gefängnis erhängt aufgefunden („Ich glaube nicht an Selbstmord“, sagt Costa-Gavras), Frau und Kinder lebten weiter in Tübingen, wohin Gerstein als Medizinstudent gekommen war. Bei seinen Recherchen stieß Costa-Gavras auf den Tübinger Maximilian von Platen, einem Enkel Gersteins. Seit 20 Jahren kennen die beiden sich nun, und es war dieser Kontakt, der Costa-Gavras nach Tübingen geholt hat.

Autor Rolf Hochhuth war übrigens gar nicht so glücklich während der Filmerei, erzählte Costa-Gavras von „Schwierigkeiten“ bei den Dreharbeiten: „Aber hinterher hat er gesagt: Der Film ist besser als mein Theaterstück.“>>

Kurt Gerstein (* 11. August 1905 in Münster; † 25. Juli1945 in Paris) war Hygienefachmann der Waffen-SS, zuletzt im Rang eines Obersturmführers.

  • 11. August1905: Kurt Gerstein wird als sechstes Kind des Landgerichtspräsidenten Ludwig Gerstein und dessen Frau Klara (geb. Schmemann) in Münster geboren. 

  • 1911-1919

    Aufgrund der Berufung seines Vaters nach Saarbrücken besucht Gerstein dort Grundschule und Gymnasium. 

  • 1919-1925

    Durch weitere Versetzungen seines Vaters wechselt Gerstein an die Gymnasien in Halberstadt und Neuruppin. Als Klassensprecher arbeitet er maßgeblich an der Abiturzeitung mit. In seiner Freizeit interessiert er sich für den Rudersport und kommt mit Schülerbibelkreisen und kirchlichen Jugendkreisen in Kontakt, die seinen christlichen Glauben nachhaltig prägen. 

  • 1925

    Abitur. Gerstein schließt sich der protestantischen Jugendbewegung, dem Christlichen Verein Junger Männer (CVJM), und dem Bund Deutscher Bibelkreise an. 

  • 1925-1931

    Anschließend an ein Praktikum im Oberbergamt Dortmund studiert Gerstein in Marburg, Aachen und Berlin zunächst Mathematik und Jura, später Bergingenieurwesen. Er engagiert sich in christlich orientierten Studentenkreisen, in der Jugendfürsorge, Alkoholiker- und Suchtgefährdetenfürsorge sowie in der Jugend- und Bibelkreisarbeit. 

  • 1931-1933

    Nachdem Gerstein sein Studium als Diplomingenieur abschließt, absolviert er die Bergreferendarausbildung und arbeitet auf den Bergrevieren Köln, Bonn, Herne, Recklinghausen und Dortmund. 

  • 1933

    1. Mai: Infolge der nationalsozialistischen Machtübernahme tritt Gerstein zusammen mit seinem Vater und seinen vier Brüdern in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ein.  
    23. Juli: Nach der Gleichschaltung der Landeskirchen zu einer Evangelischen Reichskirche wird Gerstein bei den Synodal- und Gemeindewahlen als Kandidat der Liste "Evangelium und Kirche", die in Opposition zu den  Deutschen Christen antritt, in Hagen zum Gemeindeverordneten gewählt.  
    Oktober: Er wird Leiter der Bundesjungmannschaft des Bunds Deutscher Bibelkreise. 

  • 1934

    Die Reichsvertretung des Bunds Deutscher Bibelkreise lehnt den Eingliederungsvertrag zwischen den evangelischen Jugendverbänden und der Hitler-Jugend (HJ) ab und beschließt die Selbstauflösung, um vor allem die noch nicht volljährigen Jugendlichen von einem Zwangseintritt in die HJ zu entlasten. Dennoch führt Gerstein die Arbeit als Leiter der Bundesjungmannschaft fort und organisiert verschiedene Bibelfreizeiten und -kreise. Er schließt sich der Bekennenden Kirche an. 

  • 1935

    November: Nach bestandenem Examen wird Gerstein zum Bergassessor ernannt und findet Arbeit bei der Saargruben AG. 
    Verlobung mit Elfriede Bensch in Berlin. 

  • 1936

    September: Wegen wiederholten Protests gegen das NS-Regime in verschieden Schriften und Vorträgen sowie der Verbreitung verbotenen Schriftguts der Bekennenden Kirche wird Gerstein von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in Saarbrücken verhaftet. 
    Oktober: Er wird nach mehreren Verhören aus dem Gefängnis entlassen und wegen staatsfeindlicher Betätigung aus der NSDAP ausgeschlossen. Da ihm die Entlassung aus dem Staatsdienst droht, erhebt er Einspruch gegen den Ausschluss. Gerstein muss jedoch seinen Beruf als Bergassessor aufgeben. 
    Dezember: Die Beteiligung an der Maschinenfabrik De Limon Fluhme & Co. in Düsseldorfer sichert Gerstein eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit, so dass er ein Theologiestudium in Tübingen anstrebt. 

  • 1937

    Januar: Der Einspruch Gersteins gegen den Parteiausschluss wird vor dem Gaugericht Bochum abgelehnt. 
    Februar: Gerstein immatrikuliert sich an der Universität Tübingen als Student der Medizin, besucht aber vorwiegend theologische Veranstaltungen. 
    November: Die kirchliche Trauung mit Elfriede Bensch wird vom ehemaligen Generalsuperintendent Otto Dibelius durchgeführt. 

  • 1938

    Juli-August: Erneute Verhaftung und Internierung im Lager Welzheim. Eine Voruntersuchung wegen Hochverrats wird eingeleitet, die Anklage wird jedoch mangels Beweisen aufgehoben und Gerstein aus der Haft entlassen.  
    September: Um seinem Sohn eine berufliche Zukunft im nationalsozialistischen Deutschland zu geben, setzt sich Landgerichtspräsident Ludwig Gerstein persönlich bei der NSDAP Parteizentrale in München für ihn ein. 

  • 1939

    Juni: Gersteins Ausschluss aus der NSDAP wird in eine einfache Entlassung umgewandelt. 
    Juli: Gerstein kehrt in seinen Beruf als Bergassessor zurück und arbeitet als Grubenbetriebsassistent in Merkers/Röhn. 
    25. Oktober: Geburt des Sohnes Arnulf. 

  • 1940

    August: Nach der Entlassung als Grubenbetriebsassistent meldet sich Gerstein als Freiwilliger zur Schutzstaffel (SS). Er will damit Informationen über die bekannt gewordenen Mordaktionen im Rahmen der "Euthanasie" bekommen und Möglichkeiten des Widerstands, Spionage und Sabotage ausloten. Zugleich hofft er dadurch auch eine Wiederaufnahme in die NSDAP zu erreichen, um seine berufliche Zukunft nach dem Krieg zu verbessern. 

  • 1941

    15. März: Gerstein wird in die Standarte "Germania" der Waffen-SS einberufen. 
    März-Mai: Bereits während seiner Ausbildung in Hamburg, Arnhem und Oranienburg erfährt Gerstein von den Tötungsaktionen der Einsatzgruppen in dem von der Wehrmacht besetzten Polen. 
    Juni: Versetzung zum Hygiene-Institut der Waffen-SS in Berlin mit Aufgabenbereich der Trinkwasserbeschaffung und Entwicklung von mobilen und festen Desinfektionsanlagen. 
    September: Geburt der Tochter Adelheit. 
    November: Beförderung zum Untersturmführer der SS. 

  • 1942

    Januar: Ernennung zum Chef der Abteilung "Gesundheitstechnik" des Hygiene-Instituts der Waffen-SS.  
    8. Juni: Gerstein erhält den Befehl, das Blausäurepräparat Zyklon B zu beschaffen und ins Vernichtungslager Belzec zu bringen, um die technischen Möglichkeiten einer Umstellung der Vergasung durch Dieselabgase auf Zyklon B zu prüfen.  
    August: Er trifft in Lublin den SS- und Polizeiführer des Distrikts im "Generalgouvernement", Odilo Globocnik (1904-1945), der ihm das im Bau befindliche Lager Majdanek und das Betriebsbüro der "Aktion Reinhardt" zeigt. Sie besuchen die Lager Belzec und Treblinka, wobei Gerstein in Belzec Zeuge des Vernichtungsvorgangs von der Ankunft Lemberger Juden bis zu deren Vergasung durch Dieselabgase wird. Auf dem Rückweg von Warschau nach Berlin trifft er im Zug den schwedischen Legationssekretär Göran von Otter, dem er ausführlich von seinen Erlebnissen und vom NS-Völkermord unterrichtet. Dessen Meldung an die schwedische Regierung wird jedoch an die kriegsführenden Staaten nicht weitergeleitet. Gerstein wendet sich weiterhin an Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland, ebenfalls ohne unmittelbare Reaktion.  
    Dezember: Geburt des Sohnes Olaf. 

  • 1943-1944

    Gerstein wird vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) mit der Beschaffung und Lagerung größerer Mengen Zyklon B beauftragt, das teilweise zur Desinfektion und zur Vergasung hauptsächlich im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz verwendet wird. 

  • 1945

    April: Gerstein stellt sich den französischen Truppen in Württemberg. Er wird in Rottweil interniert und verfasst den Bericht über seine Erlebnisse in der Vernichtungsmaschinerie in mehreren Fassungen, den er als wichtigen Beitrag für die Aufklärung des NS-Völkermord sieht. 
    Mai-Juli: Verlegung nach Langenargen (Bodensee) und Paris. Er wird mehrmals verhört und mit der Anschuldigung von "Kriegsverbrechen, Mord und Mittäterschaft" als Kriegsverbrecher angeklagt. 
    25. Juli: Kurt Gerstein wird erhängt in seiner Zelle aufgefunden, die Umstände seines Todes sind ungeklärt. Seiner Witwe, Anna Elfriede Gerstein, wurde erst 1969 eine Witwenrente zugesprochen.

    Johannes Leicht. 2014

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